Ist es zu früh für Gutenberg?

Ist es zu früh für Gutenberg?

Das ist der vorerst letzte Artikel über den künftigen neuen WordPress Editor. Versprochen. Aber die Frage drängt sich auf, warum es die Macher von WordPress mit Gutenberg so eilig haben.

Im vorletzten Artikel habe ich über einige generelle Kritikpunkte #gutenberg betreffend geschrieben und im letzten Artikel einen Überblick über den Neuen gegeben. In diesem Artikel geht es um die Frage ob es für Gutenberg nicht einfach noch zu früh ist.

Keine Frage – der neue Editor macht etwas her. Anscheinend haben sich die Entwickler von Gutenberg umgesehen. Der neue Editor erinnert doch stark an den Editor von Medium. Das ist kein Fehler, denn der der gilt allgemein als gutes Beispiel für einen gelungenen zeitgemäßen Editor und sein Look findet mittlerweile breite Nachahmung.

Ganz bestimmt ist ein neuer Editor für WordPress nicht verkehrt und das Gutenberg-Projekt ist wirklich vielversprechend. Aber es gibt doch noch einige ungelöste Punkte. Und die haben es in sich. Immerhin ist WordPress das mit Abstand am meisten genutzte Content Management System überhaupt. Mit Blick auf die Millionen von Usern ändert man nicht so einfach schnell etwas. Dessen ist man sich im Team hinter WordPress auch bestens bewusst und diesem Umstand wird in der Regel auch sehr sorgfältig Rechnung getragen.

Dazu ein Beispiel. WordPress unterstützt bis heute die PHP-Version 5.2.4. Diese Version ist am 30. August 2007 erschienen, ist also mittlerweile zehn Jahre alt. Im Jahr 2011 wurde der Versionszyklus 5.2 eingestellt, wird also seit sechs Jahren schon nicht mehr gewartet. Dennoch nimmt man bei WordPress Rücksicht auf diese veraltete Version, weil aus den Statistiken hervorgeht, dass diese noch immer eine gewisse Verbreitung hat. Vorteile, die neuere PHP-Versionen bringen würden, können dadurch nicht genutzt werden, solange diverse ältere Versionen noch unterstützt werden müssen.

Um so unverständlicher ist die offensichtlich sehr eilig vorangetriebene Ablöse des bisherigen Editors #tinymce durch Gutenberg. Der Editor ist jetzt schon gut und wird bis zur geplanten finalen Veröffentlichung in WordPress bestimmt noch besser werden. Trotzdem gibt es viele offene Baustellen. Sehen wir uns ein paar der größten Knackpunkte an.

Eine Stärke von WordPress ist, dass es sehr sauberen HTML-Code liefert. Mit Gutenberg sieht das anders aus. Viele Formatierungen werden direkt in den Code eingefügt. Das ist aber nicht nur ein Schönheitsfehler sondern hat negative Effekte. Mit einer sauberen Trennung von Layout und Inhalt sind beispielsweise nachträgliche Änderungen kein Problem. Um eine bestimmte Formatierung zu ändern reicht dann ein Eingriff an einer einzigen Stelle und das Format in vielleicht tausenden Beiträgen ist geändert. Mit Formatierungen, die direkt im Code stehen, geht das nicht mehr. Da heißt es dann tausende Beiträge zu ändern. Auf weitere Details möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen, das würde zu weit führen. Dieses kurze Beispiel soll die Problematik verdeutlichen.

In die gleiche Richtung geht die Thematik, dass die möglichen Formatierungen von Gutenberg vorgegeben werden. Diese mögen zum Theme passen oder auch nicht. Gutenberg nimmt darauf keine Rücksicht. Und so wie es derzeit aussieht, werden Themes nicht die Möglichkeit haben, darauf einzuwirken. Sorgfältig designete Themes können so mit Gutenberg zur Hässlichkeit entstellt werden.

Weiters lässt sich die Formatierungsleiste und damit der Funktionsumfang des derzeitigen Editors durch Plugins bzw. Themes erweitern. Ein Beispiel dafür ist das Plugin TinyMCE Advanced mit mehr als 2 Millionen aktiven Installationen.

So sieht die Formatierungsleiste des Editors TinyMCE in WordPress aktuell standardmäßig aus.

Ist es zu früh für Gutenberg - die standardmäßige Formatierungsleiste von TinyMCE

Zum Vergleich dazu eine Formatierungsleiste mit einigen zusätzlich durch das TinyMCE Advanced Plugin hinzugefügten Funktionen.

Ist es zu früh für Gutenberg - die Formatierungsleiste von TinyMCE individuell erweitert

Das ist nur ein Beispiel von vielen Plugins und Themes, die zusätzliche Funktionen in die Formatierungsleiste hinzufügen. Bisher gibt es so weit ich weiß noch keine Infos, wie es zukünftig um solche Erweiterungen bestellt sein wird.

Ähnlich sieht die Sache mit den Meta-Boxen aus. Dabei handelt es sich um die verschiedenen Boxen rechts und unterhalb des Editors. Plugins bzw. Themes können zusätzliche Meta-Boxen anlegen. Die Möglichkeiten, die Meta-Boxen bieten, sind jedoch wesentlich vielfältiger als das, was mit Erweiterungen der Formatierungsleiste möglich ist. Im Prinzip lässt sich so ziemlich alles mit Meta-Boxen realisieren, weshalb dieser Punkt allgemein als der größte Knackpunkt beim Gutenberg-Projekt gilt. Als ein prominentes Plugin, das Meta-Boxen verwendet, sei beispielsweise Yoast SEO mit seinen über 5 Millionen aktiven Installationen genannt.

Ist es zu früh für Gutenberg - Meta-BoxenZwar wurde mittlerweile ein Bereich in der Oberfläche von Gutenberg eingefügt, der jedoch noch völlig ohne Funktion ist. Es handelt sich dabei mehr um ein Signal von den Entwicklern, dass man sich des Problems der derzeit noch vollständig fehlenden Unterstützung für Meta-Boxen bewusst ist. Damit wurde auf die Kritik von Plugin- und Theme-Entwicklern reagiert, die immer wieder auf diese Problematik hingewiesen haben.

Mehr als ein Versprechen, nicht auf diesen wichtigen Punkt zu vergessen, ist das aber noch nicht. Noch gibt es keinerlei Informationen ob eine Kompatibilität mit den bisherigen Meta-Boxen angestrebt wird oder ob die Programmierer von Plugins und Themes, die Meta-Boxen verwenden, ihre Produkte auf eine neue Schnittstelle ändern werden müssen. Der Aufwand, der in diesem Bereich möglicherweise entsteht, ist noch überhaupt nicht abschätzbar, kann aber bei entsprechender Komplexität durchaus sehr umfangreich werden.

Das waren einige der großen Gutenberg-Baustellen. Dass einige Punkte noch überhaupt nicht geklärt sind und so manches noch offen ist wäre an sich noch kein Grund zur Beunruhigung. Ein komplett neuer Editor für WordPress ist ein Riesenprojekt. So ein Projekt benötigt seine Zeit. Sowohl in der Entwicklung als auch in der Einführung. Genau diese Zeit will man aber Gutenberg – warum auch immer – anscheinend nicht geben.

Gutenberg soll mit WordPress 5.0 den bisherigen Editor ablösen. Nach allem, was bisher bekannt ist, ist kein Übergang geplant. Der jetzige Editor soll einfach ersetzt werden. Ob das dann tatsächlich so kommt, sei einmal dahingestellt. Aber alles, was bisher an Informationen verfügbar ist, geht eindeutig in Richtung eines harten Schnitts. Und anscheinend soll dieser schon recht bald erfolgen. Zwar gibt es noch keine sonstigen Informationen zu #wpversion 5.0 aber Aussagen des WordPress-Masterminds Matt Mullenwegg in seinem Blog lassen den Schluss zu, dass diese bereits für Anfang des nächsten Jahres geplant ist.

Für den 14. November ist nun erst einmal das endgültige Erscheinen der Version 4.9 angekündigt, die bereits als Beta-Release verfügbar ist. Bis dahin wird es wahrscheinlich auch keine Infos zur geplanten Version 5.0 geben. Da stellt sich dann schon die Frage, wie sich innerhalb weniger Monate dann alles ausgehen soll. Bis jetzt gibt es noch überhaupt keine Informationen für Entwickler von Plugins und Themes, welche Änderungen für Gutenberg notwendig sind damit die Produkte dann auch noch mit WordPress 5.0 funktionieren. Von genauen Spezifikationen ganz zu schweigen gibt es noch nicht einmal einen Anhaltspunkt, bis wann erste Informationen für Entwickler zur Verfügung stehen werden.

Das sorgt verständlicherweise für große Unruhe unter den Plugin- und Theme-Programmieren, die überhaupt noch nicht im Geringsten wissen, welcher Aufwand auf sie zukommen wird und wie viel Zeit ihnen dann zur Verfügung stehen wird, ihre Software entsprechend zu adaptieren. Bisher gab es auch keine wirklichen Bestrebungen, irgend etwas gegen diese Unruhe zu tun. Es wäre falsch, zu behaupten, dass das Gutenberg-Team nicht auf Rückmeldungen eingehen würde. Im Support-Forum herrscht eine rege Kommunikation und es wird auch rasch auf neue Tickets geantwortet.

Die großen Fragen bezüglich notwendiger Anpassungen und Zeitplan bleiben aber unbeantwortet. Offensichtlich befindet sich das Projekt in einer Phase, in der diese Fragen noch nicht beantwortet werden können. Das wäre im Prinzip ja völlig in Ordnung. Wäre da nicht das drohende Szenario einer harten Umstellung komplett ohne Übergang schon in wenigen Monaten. Ist es nicht doch einfach noch zu früh für Gutenberg?

Artikel vom 12. Oktober 2017

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