WordPress-Mythen auf den Grund gegangen – #1 WordPress ist kein richtiges CMS

WordPress-Mythen auf den Grund gegangen - #1 WordPress ist kein richtiges CMS

WordPress ist das mit großem Abstand am häufigsten genutzte System zum Betrieb von Websites. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass es nicht auch genügend Kritik gäbe. Manches davon ist berechtigt und manches einfach nur Quatsch. Oft jedoch liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. In dieser losen Serie werde ich einigen der hartnäckigsten Mythen rund um WordPress auf den Grund gehen.

Der erste #mythos, mit dem ich diese Serie beginnen möchte, ist ein echter Klassiker. Auf die Aussage, dass WordPress doch gar kein „richtiges“ CMS sei, trifft man tatsächlich des Öfteren.

Was ist gemeint?

Der Mythos besagt, dass WordPress eigentlich ein Blog-System ist und somit gar kein „richtiges“ CMS. Aus diesem Grund soll sich WordPress lediglich für den Betrieb von Blogs eignen, nicht aber für den Betrieb aller anderen Arten von Websites.

Was steckt dahinter?

Betrachten wir zuerst die rein technische Sichtweise. Das englische Kürzel „CMS“ steht für „Content Management System“. Die deutsche Bezeichnung „Inhaltsverwaltungssystem“ ist so gut wie gänzlich ungebräuchlich. Sowohl der englische als auch der deutsche Begriff beschreiben aber an sich schon recht deutlich die Hauptaufgabe eines CMS. Es geht darum, Inhalte zu verwalten. Genauer gesagt besteht der Hauptzweck eines CMS darin, den Inhalt vom Design zu trennen.

Wenn wir das Rad der Geschichte bis zu den Anfängen des Word Wide Web zurückdrehen dann landen wir in einer Zeit, in der jede einzelne Seite (nicht Website, sondern tatsächlich jede einzelne Seite einer Website) mit HTML programmiert werden musste. Das war im Vergleich zu heute an sich schon mühsam genug, richtig schwierig wurden aber Änderungen am Design. Wollte man am Design einer Website etwas verändern, so musste man die Änderung im HTML-Code jeder einzelnen Seite vornehmen.

Ein Content Management System trennt das Design vom Inhalt. Das Design wird einmal für die gesamte Website festgelegt. Als Website-Betreiber muss man sich damit nur mehr um die Inhalte kümmern. Dabei unterstützt einen ein CMS ebenfalls – wie der Name schon sagt geht es ja auch um das Management, also die Verwaltung, der Inhalte. Der fertige HTML-Code wird erst bei der Auslieferung der Seite an den Browser erzeugt.

Änderungen am Design einer Website müssen so nur mehr an einer einzigen Stelle gemacht werden. Die Inhalte können auch von Nicht-Programmierern geschrieben und verwaltet werden. Das ist die grundsätzliche Funktion eines CMS.

Und was macht WordPress? Genau das. WordPress trennt das Design – bei WordPress „Theme“ genannt – vom Inhalt und dient der Verwaltung der Inhalte. Damit ist WordPress technisch gesehen eindeutig ein Content Management System. Woher kommt also der Mythos?

Zur Klärung müssen wir uns von der rein technischen Sichtweise einer eher funktionalen, organisatorischen Sichtweise zuwenden. Dazu gehen wir wieder etwas zurück zu den Anfängen von WordPress. WordPress wurde als Blog-System konzipiert – und das ist es natürlich auch heute noch. Jedes Blog-System ist auch ein Content Management System, bei Blog-Systemen liegt der Schwerpunkt aber in der Organisation der Beiträge.

Ein Blog-System wie WordPress organisiert Beiträge automatisch nach bestimmten Kriterien. Das wichtigste Kriterium ist dabei das Erstellungsdatum. In einem Blog werden die Beiträge in der Regel standardmäßig absteigend nach Datum sortiert angezeigt. Ein neuer Beitrag muss nicht manuell in diese Auflistung eingefügt werden, sondern erscheint automatisch am Anfang der Liste. Darum kümmert sich das Blog-System.

Darüber hinaus gibt es auch weitere Kriterien, nach denen Beiträge organisiert werden. Konkret sind das Autoren, Kategorien und Schlagwörter. Um all das kümmert sich das Blog-System. Reine Blogs haben in der Regel neben den Blog-Beiträgen nur sehr wenige statische Seiten. Beispielsweise ein Impressum, eine Kontakt-Seite und vielleicht noch eine „Über mich“-Seite. Das war es dann auch schon. Daher liegt der Schwerpunkt bei Blog-Systemen auch eindeutig in der Organisation der Beiträge und nicht in der Verwaltung der wenigen Seiten.

Der Schwerpunkt klassischer Content Management Systeme liegt in der Verwaltung statischer Seiten

Damit sind wir zum wahren Kern des Mythos vorgedrungen. Im Gegensatz zu Blog-Systemen liegt der Schwerpunkt „klassischer“ Content Management Systeme auf der Verwaltung der statischen Seiten. Solche „klassischen“ CMS sind eher dazu gedacht, auch umfangreiche Websites mit vielen statischen Seiten möglichst einfach verwalten zu können.

In der Zwischenzeit sind die Grenzen verwischt. Die ehemals „klassischen“ Content Management Systeme wurden längst um Blog-Funktionen erweitert, damit man mit diesen auch Blogs betreiben kann. Und die ehemals „klassischen“ Blog-Systeme wurden umgekehrt längst um Funktionen zur Verwaltung statischer Seiten erweitert um diese nicht nur für reine Blogs verwenden zu können.

Ihre Herkunft können die Systeme nicht verleugnen. Ihr Ursprung liegt ihnen quasi in den Genen. Und den sieht man ihnen auch heute trotz längst verwischter Grenzen noch an. WordPress ist genetisch ein Blog-System, das ist richtig. Richtig ist auch, dass der Schwerpunkt von WordPress ganz eindeutig nicht in der Verwaltung einer großen Anzahl an statischen Seiten liegt.

Was bedeutet das in der Praxis?

Tatsächlich ist die eher rudimentäre Seiten-Verwaltung von WordPress nicht sehr geeignet um eine große Menge an Seiten damit vernünftig verwalten zu können. Ohne Ordner-Struktur wird die Ansicht schnell unübersichtlich und ohne Drag & Drop die Verwaltung schnell mühsam. Ehemals „klassische“ CMS bieten hier deutlich mehr.

Hätten die Macher von WordPress die Seiten-Verwaltung nicht längst schon hochrüsten können? Ja – haben sie aber nicht gemacht. Warum nicht? Das liegt an der Strategie, den Kern von WordPress möglicht schlank zu halten. Dafür punktet WordPress mit großartiger Erweiterbarkeit. Und so ist es kein Wunder, dass es eine ganze Menge an Plugins gibt, die diese von anderen CMS gewohnten Annehmlichkeiten bei WordPress nachrüsten.

Genau das ist es aber in Wirklichkeit, was von den Fans der „großen“ CMS kritisiert wird. Viele der einst „klassischen“ CMS wurden im Laufe der Zeit enorm aufgerüstet und bringen schon von Haus aus eine Fülle von Funktionen mit. Dieser Umfang bietet unzweifelhaft den Vorteil, dass vieles schon vorhanden und nicht mit Erweiterungen nachgerüstet werden muss. Umgekehrt sind diese Systeme dafür aber auch wesentlich schwergewichtiger und benötigen durch diese Fülle mehr Einarbeitung.

Im Gegensatz dazu ist WordPress schlank und schnell erlernt. Mit Sicherheit ist das der Hauptgrund für den enormen Erfolg von WordPress. Alles, was sonst noch benötigt wird, lässt sich mit Plugins nachrüsten. Bei der Unmenge an verfügbaren Plugins bleiben da keine Wünsche offen. Eine WordPress-Installation mit einigen wenigen gut ausgewählten Plugins ist immer noch schlanker als so manches von Haus aus überkomplette System.

Der Mythos hat also durchaus einen gewissen Wahrheitsgehalt. Ein echter Nachteil sind die deutlich erkennbaren Blog-Gene von WordPress in der Praxis aber nicht. Ob man ein schlankes Grundsystem, das sich extrem erweitern lässt, vorzieht oder ein umfangreiches System, das von Haus aus viel mehr mitbringt aber dafür auch deutlich komplexer ist, ist Geschmackssache.

Artikel vom 21. November 2017

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